Erinnern an den Holocaust – Lesung und Gespräch mit dem israelischen Schriftsteller Ron Segal

05.09.2025

Wie können wir zwei Generationen später an den Holocaust erinnern, wenn es immer weniger Zeitzeug:innen gibt, die aus erster Hand erzählen können? Mit dieser aktuellen Frage beschäftigt sich Ron Segal in seinem Debütroman „Jeder Tag wie heute“, den er am Donnerstag den Schüler:innen des zehnten Jahrgangs in der Aula vorstellte. Die Geschichte des in Berlin lebenden israelischen Schriftstellers und Filmemachers schwankt durch eine unzuverlässige Erzählinstanz zwischen Fakt und Fiktion: So leidet der fiktive Held des Romans, der neunzigjährige Schriftsteller und Holocaustüberlebende Adam Schumacher, an Demenz, sodass sich sein emotionales Erinnern mit historischen Fakten, Märchenelemente mit „echter“ Geschichte vermischen – seine Erinnerungen an die Vergangenheit schwinden langsam. Für die Recherche zu seinem Roman, den Segal auf Hebräisch schrieb und der im Jahr 2014 auf Deutsch erschien, nutzte der Autor die weltweit größte Interviewsammlung zum Holocaust des Visual History Archive der USC Shoah Foundation. 

Mit Rückgriff auf seine eigene Biografie erzählte Ron Segal den Schüler:innen von der Entstehungsgeschichte des Buchs und las mehrere Passagen daraus vor, wobei er einen ersten Ausschnitt auf Hebräisch vortrug und erst danach zur deutschen Übersetzung wechselte. Im Anschluss sprach der Autor über sein aktuelles Projekt, nämlich die Entwicklung eines Animationsfilms, der auf dem Roman basiert. Segal gewährte den Zehntklässler:innen dazu einen kleinen Einblick in seinen Arbeitsprozess, zu dem in Zusammenarbeit mit einem Art Director Charakterstudien, immer wieder überarbeitete erste Zeichnungen der Protagonisten und ein Teaser zum Film gehören.

Während der sich jeweils an die beiden Teile des Vortrags anschließenden Gesprächsrunden gab es viel Raum für die Schüler:innen, alle Fragen an den Schriftsteller loszuwerden, die sie beschäftigten: Welche Herausforderungen gibt es bei der Verfilmung einer Literaturvorlage? Was für ein Gefühl ist es, das eigene Buch in der Übersetzung vorzulesen? Und was macht ein Autor eigentlich im Fall einer Schreibblockade? 

Insgesamt wurde durch Ron Segals interessante und inspirierende Lesung deutlich, dass ein literarisches Werk durchaus dazu dienen kann, die Erinnerung an den Holocaust wachzuhalten.

von Anna-Lena Böttcher