Besuch einer „Scheinwelt“: Gedenkstättenfahrt des zehnten Jahrgangs nach Westerbork in die Niederlande
Am Mittwoch machten sich 102 Schülerinnen und Schüler des zehnten Jahrgangs und drei begleitende Geschichtslehrkräfte mit zwei Bussen auf den Weg in die Niederlande zur Gedenkstätte Westerbork. Intensiv vorbereitet worden war die Gedenkstättenfahrt im Geschichtsunterricht und finanziell unterstützt von der Bezirksregierung.
Im Jahr 1939 als Flüchtlingslager für Juden gegründet, die aus Nazi-Deutschland geflüchtet waren, wurde das Lager im Jahr 1940 von der SS übernommen und zum zentralen Durchgangslager. Im Zweiten Weltkrieg wurden von dort mehr als 100 000 Juden, Sinti und Roma sowie Widerstandskämpfer in Konzentrations- und Vernichtungslager wie Bergen-Belsen, Sóbibor und Auschwitz deportiert.
Nach einer 2,5-stündigen Busfahrt angekommen im Kamp Westerbork, erhielten wir zuerst einen kurzen Einleitungsvortrag der museumspädagogischen Mitarbeiterin, zu der auch ein Film gehörte, der die Aufnahmen des jüdischen Lagerfotografen Rudolf Breslauer über das Lager Westerbork beinhaltet. Diese sind einzigartig, weil seine Aufnahmen die einzigen authentischen Filmaufnahmen sind, die je in einem Konzentrationslager gemacht wurden. Der Film zeigt die „Scheinwelt“, die Westerbork war: Gezeigt werdenHochzeiten, Feste und eine Schule sowie ein Krankenhaus und Menschen bei der Arbeit, aber auch Aufnahmen von der Deportation der Menschen in Eisenbahnwagons in Richtung Osten, die aus den Fenstern winken und nicht wissen, was sie erwartet.Dazu sagt eine Schülerin: „Mich hat der Film besonders beeindruckt, weil man realisiert hat, wie man in Westerbork mit den Gefühlen der Menschen gespielt und ihnen nur etwas vorgemacht hat. Den Menschen wurde eine heile Welt vermittelt, obwohl die Realität anders aussah.“
Anschließend durften die Schülerinnen und Schüler die Dauerausstellung des Erinnerungszentrums besuchen, die die Geschichte des Lagers anhand von berührenden persönlichen Schicksalen und Biografien derjenigen Personen erzählt, die nach Westerbork gebracht und von dort aus weiterdeportiert worden sind. Dazu gehörten auch Mitglieder der Familie Löwenstein aus Münster, die den Holocaust nicht überlebt haben. Besonders eindrucksvoll fanden viele Schülerinnen und Schüler den Nachbau der Einrichtung einer Baracke sowie verschiedene Koffer mit persönlichen Gegenständen von in Westerbork Festgehaltenen.
Mittags machten wir uns dann auf den etwa 3 km-langen Fußmarsch durch einen Wald zum ehemaligen Lagergelände, wo wir eine Führung über das Gelände erwarteten. Leider kam es anders: Ein heftiges Gewitter und andauernder Starkregen überraschten uns auf dem Weg und sorgten dafür, dass alle durchnässt ins Trockene flüchten mussten, und zwar in den Glaskasten, der das noch erhaltene Kommandantenhaus schützt. Dort erhielten wir ein Alternativprogramm und durften sogar ausnahmsweise in kleinen Gruppen ins Innere des Kommandantenhauses gehen, was Besuchern normalerweise nicht gestattet ist. Der Lagerkommandant Albert Gemmeker sorgte damals dafür, dass die Situation der Juden im Lager Westerborkvon falschen Hoffnungen bestimmt war, damit diese Ruhe bewahrten – insbesondere während der Weiterdeportation.
Als es danach zurück nach Münster ging, nahmen dieSchülerinnen und Schüler viele Eindrücke von der Gedenkstättenfahrt mit nach Hause, die nun im Geschichtsunterricht nachbesprochen wird.
von Anna-Lena Böttcher






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